Schreibstube im Kirchturm

26.09.2013

Ausgrabungen bestätigen Gunthar-Dom und fördern mittelalterliche Bibliothek zutage

Was in der Gründungslegende des Bistums, der „Fundatio Ecclesiae Hildensemensis“ schon seit fast tausend Jahren zu lesen ist, haben Ausgrabungen nun bestätigt: Die Kirche von Bischof Gunthar (815-834), der so genannte Gunthar-Dom, hat existiert und besaß zwei hohe Türme. Nach Aufgabe der Kirche dienten sie vermutlich als Schreibstuben.

Grabungsleiter Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse präsentiert einen Grundriss des Gunthar-Domes

Grabungsleiter Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse
präsentiert einen Grundriss des
Gunthar-Domes, Foto: Dommuseum

Eigentlich waren die Ausgrabungen auf dem Hildesheimer Domhof schon beendet, da durfte Grabungsleiter Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse doch noch einmal in der Sakristei der Geschichte auf den Grund gehen - notwendige Kabelkanäle hatten es möglich gemacht. Der Archäologe wusste, was er suchte: den zweiten Turm des Gunthar-Domes für die endgültige Bestätigung des entsprechenden Hinweises in der „Fundatio“, geschrieben um 1080 von einem Hildesheimer Domherrn. In etwa einem Meter Tiefe stieß das Grabungsteam auf ein breites Turm-Fundament, allerdings nicht an der vermuteten Stelle, sondern einige Meter weiter südlich.

„Der Grundriss des Gunthar-Domes sieht auf den ersten Blick unsymmetrisch aus“, erklärt Kruse den unerwarteten Fundort. Grund dafür dürfte die Rücksicht auf eine angrenzende Totengedächtnisstätte gewesen sein. Der Kirche hatte beim Bau um 820 beachtliche Ausmaße, die Front maß 22 Meter und die Länge betrug 40 Meter. Und ganz ungewöhnlich im neunten Jahrhundert für einen neu gegründeten Bischofssitz im „heidnischen Ostfalen“: Zwei hohe Türme zierten den Bau.

Der Kirche war keine lange Nutzung als Gotteshaus beschieden, schon 852 begann Bischof Altfrid mit der Errichtung eines neuen Domes an heutiger Stelle. „Ab 872 dienten die Türme der Gothar-Kirche sehr vermutlich als Schreibstuben“, erläutert Kruse die Ergebnisse seiner Grabungen. Dafür sprechen ein Schreibgriffel, ein Glättstein aus Glas – damit wurde das Pergament geglättet, um das Verschmieren der Tinte zu verhindern - sowie der Fuß eines Trichterglases für Öl und Talg, das im Mittelalter als Lampe diente. Da ansonsten keine anderen Siedlungsfunde in den umliegenden Grabungsschichten aus dem neunten und zehnten Jahrhundert vorliegen, spricht alles für die Verwendung als Bibliothek. Zumal die wertvollen Bücher in den Steintürmen gut geschützt lagen. Noch bis in elfte Jahrhundert haben diese gestanden. Mit dem großen Brand 1046 wurden sie stark zerstört und die Trümmer in den folgenden Jahren für den Bau des Azelin-Domes vollständig abgetragen.

In Kürze werden die letzten Gräben der Archäologen nach insgesamt vier Jahren Forschung wieder zugeschüttet. „Wir konnten wichtige Erkenntnisse für die frühere Baugeschichte bis zum zwölften Jahrhundert gewinnen“ ist Kruse sehr zufrieden mit dem Verlauf der Arbeiten. Am Ende soll auch die Öffentlichkeit noch einmal Gelegenheit zur Besichtigung von Grabungsergebnissen haben: Für Sonntag, 27.10., lädt er schon heute von 14-17 Uhr zum Westwerk des Hildesheimer Domes.