Die Chronisten hatten Recht

23.05.2011

Archäologen fanden Fundamente der ersten Hildesheimer Kapelle

Hildesheim (bph) Es ist mehr als eine Legende: An der Stelle der heutigen Domkrypta hat Kaiser Ludwig der Fromme im Jahre 815 tatsächlich eine Kapelle bauen lassen. Archäologen unter der Leitung von Diözesankonservator Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse sind jetzt auf die Fundamente dieser ersten Kirche auf dem Hildesheimer Domhügel gestoßen. Außerdem fanden sie Reste einer Grube, in der vermutlich 1765 die große Domglocke „Canta Bona“ gegossen wurde.

Diözesankonservator Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse vor den Fundamenten der Kapelle Ludwigs des Frommen

Diözesankonservator Prof. Dr. Karl Bernhard
Kruse vor den Fundamenten der Kapelle
Ludwigs des Frommen und dem Grab von
Bischof Adelog (Bischof von 1171-1190);
Bild: bph

In seiner „Fundatio“ aus dem Jahre 1075 erzählt Bernhard von Konstanz von der Gründung des Bistums Hildesheim: Ein Reliquiar des Kaisers Ludwig der Fromme habe sich bei einem Jagdausflug 815 in einem Rosenbusch verfangen, was der Kaiser als Zeichen gesehen habe, dort eine Kapelle zu bauen, aus der später das Bistum entstand. Diese Kapelle ist von allen Bauforschern gesucht, jedoch nie eindeutig gefunden worden, so dass es viele verschiedene Rekonstruktionen gibt.

Zumindest was die Kapelle anbelangt, sagt die Gründungsgeschichte aber wohl die Wahrheit. Kruse und sein Team haben jetzt nämlich Fundamente dieser ersten Hildesheimer Kirche gefunden. Sie bilden einen innen etwa sechs auf sechs Meter großen Saal mit einer anschließenden Halbkreisapsis. Die Fundamente für diese kleine Kirche sind ungewöhnlich stark aus großen, gebrochenen Sandsteinen mit einem Mauerkern in Lehmmörtel. Eine verfüllte Grube zeigt in der Ostapsis den Standort des allerersten Altares an, der von einem jüngeren Altarfundament überbaut worden ist. Damit stimmen die Angaben der Fundatio genau mit den Baubefunden überein.

Als Bischof Altfrid um 852 seinen neuen Dom über die Kapelle Ludwigs des Frommen bauen ließ, trug er deren Mauern ab, ließ die Fundamente jedoch im Boden. Um die Innenkrypta baute er eine Umgangskrypta mit einer großen runden Scheitelkapelle und verband sie mit einem Zugangsstollen. Da er diesen Kryptenraum einwölben wollte, musste er Spannfundamente für die Pfeiler oder Säulen der Kreuzgratgewölbe vorsehen, die ebenfalls jetzt ausgegraben wurden. Unter der heutigen Vierung gab es noch keine Krypta, sie wurde erst nach dem Brand von 1046 durch Hezilo um 1060 errichtet. Damit zeigt sich, dass in der Mitte des neunten Jahrhunderts im Hildesheimer Dom drei Kryptenräume mit vier gewölbetragenden Stützen vorhanden waren. „Dies ist für einen Bau des neunten Jahrhunderts einmalig“, freut sich Kruse.

Nicht minder beeindruckend sind die Ausgrabungen auf dem Schulhof des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum neben dem Dom. Dort finden sich bis zu fünf Meter unter dem Boden Reste eines Stiftes des Bischofs Godehard aus dem elften Jahrhundert, vor allem aber eine Schmelzpfanne samt Gussgrube für eine sehr große Glocke aus der frühen Neuzeit oder des Barocks. Es gibt schriftliche Hinweise, wonach die „Canta Bona“, die große Glocke des Doms, im Jahre 1765 auf dem heutigen Domhof gegossen wurde. Grabungsleiter Dr. Helmut Brandorff vermutet daher, dass die gefundene Bronzegussanlage die Wiege dieser gewaltigen Glocke ist. Das sei nicht ungewöhnlich, erklärt Brandorff. Früher habe man Glocken meist neben den Kirchen gegossen, weil sie für einen langen Transport über Land zu schwer gewesen seien. Vermutlich hatte die Glockengussgrube daher nur wenige Monate Bestand.

In der Auffüllmasse dieser gewaltigen Glockengussgrube fanden die Archäologen zudem Lehmschichten des Glockenmantels und Bronzereste sowie etwas Keramik aus der Zeit des Gusses, außerdem relativ viele Bernwardsziegelbruchstücke aus der Zeit des Bischofs Bernward (um 1000 n.Chr.). Sie stammen aus den Abbruchschichten des Stiftes von Bischof Godehard, das zwischen 1027 und 1046 dort stand. Außerdem haben die Grabungen einen Friedhof aus dem neunten und zehnten Jahrhundert frei gegeben.

Diözesankonservator Prof. Dr. Karl Bernhard Kruse will diese Ergebnisse bei einem Vortrag am Sonntag, 29. Mai, um 19 Uhr in der Hildesheimer Michaeliskirche vorstellen. „Der Altfrid-Dom – Bischof Bernwards Vorbild für St. Michael?“ lautet der Titel. Der Eintritt ist frei, um Spenden für die beiden Welterbekirchen wird gebeten. Die Grabungen selbst sind am Sonntag, 5. Juni, zu sehen. Aus Anlass des UNESCO-Welterbetages wird Kruse dann Besucher zu den Grabungsstätten führen.

Das Bistum Hildesheim hat einen Videofilm über die Ausgrabungen gedreht, der einen guten ersten Eindruck vermittelt.

Die Ausgrabungen in der Domkrypta und auf dem Domhof stehen in Zusammenhang mit der Sanierung des Hildesheimer Doms. Bis zum Jahre 2015, dem 1.200. Geburtstag des Bistums, soll die Bischofskirche für rund 30 Millionen Euro gründlich saniert und das Dom-Museum in der profanierten Antoniuskirche neu gebaut werden. Die Wiedereröffnung des Doms ist für August 2014 geplant.

Der Videoclip über die Ausgrabungen in der Domkrypta