Brüder statt Gegner

Neues „Premiumjahr“ am Hildesheimer Zeitstrahl erinnert an die Ermordung Wormser Juden

Hildesheim (bph) Es war ein Sabbat, ein Samstag im Mai 1096, als die christlichen Kreuzfahrer mehr als 800 Juden in Worms umbrachten, weil sie nicht Christen werden wollten. Es war aber auch ein Bischof, der weitere Opfer verhinderte. 916 Jahre später wird das Jahr 1096 zu einem Zeichen des Miteinander: Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, übernahm am Montag, 14. Mai, im Namen des Verbandes die Patenschaft für dieses Jahr am Zeitstrahl des Hildesheimer Kreuzgangs.

Michael Fürst (rechts), der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, bringt die Jahresplakette am Zeitstrahl an. Domdechant Weihbischof Hans-Georg Koitz (vorne) und der Vorsitzende des Dombauvereins Dr. Konrad Deufel (links) schauen zu

Michael Fürst (rechts), der Vorsitzende des
Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden
von Niedersachsen, bringt die
Jahresplakette am Zeitstrahl an.
Domdechant Weihbischof Hans-Georg Koitz
(vorne) und der Vorsitzende des
Dombauvereins Dr. Konrad Deufel (links)
schauen zu. Foto: bph

Er war mit seinen Mannen auf dem Weg zum Ersten Kreuzzug ins Heilige Land, als Graf Emicho von Leiningen 1096 Station machte in Speyer, Worms und Mainz. In den jüdischen Gemeinden dieser drei Städte hinterließ der Adlige eine Spur der Verwüstung mit zahlreichen Opfern, die sich tief in das Gedächtnis der Juden eingegraben haben.

Es sei daher als Zeichen der Versöhnung zu verstehen, dass sich der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen gerade dieses Jahr als „Premiumpatenjahr“ am Hildesheimer Zeitstrahl ausgesucht habe, sagte Verbandsvorsitzender Michael Fürst am Montagmorgen im Hildesheimer Kreuzgang. Aus dem früheren Gegeneinander der Religionen sei heute glücklicherweise ein Miteinander geworden, so Fürst weiter, und man werde alles dafür tun, dass dies so bleibe. Auch für Dr. Konrad Deufel, den ehemaligen Stadtdirektor der Bischofsstadt Hildesheim und jetzt Vorsitzender des Dombauvereins, ist diese Jahrespatenschaft ein Zeichen zum „Brückenschlagen“ im jüdisch-christlichen Dialog. Weihbischof Hans-Georg Koitz, der als Domdechant die Domsanierung verantwortet, zeigte sich erfreut, dass der Zeitstrahl auch bei Nicht-Katholiken so viel Aufmerksamkeit findet.

Um die lange Geschichte des Bistums zu illustrieren und zugleich Unterstützer für die Domsanierung zu gewinnen, hat das Domkapitel als Bauherr der Domsanierung gemeinsam mit dem Dombauverein Anfang 2010 das Projekt „1200 Jahre suchen Paten“ aus der Taufe gehoben: Entlang des Kreuzgangs hinter der Domapsis – vom Eingang bis zur gegenüberliegenden Seite – zieht sich seitdem ein Metallband als „Zeitstrahl“ entlang, das 1.200 Jahre symbolisiert, untergliedert in Einzeljahre, Jahrzehnte und sogenannte Premiumjahre. 180 Euro kostet die Patenschaft über ein Einzeljahr. Eine kleine Kupferplakette auf dem Zeitstrahl trägt den Wunschnamen des Paten. Zusätzlich sind für 750 Euro ganze Jahrzehnte mit einer größeren Plakette zu erwerben. Wer ein Jahrzehnt exklusiv ohne zusätzliche Einzeljahr-Patenschaften erstehen möchte, zahlt dafür 2.500 Euro. Für die doppelte Summe ist die Premium-Patenschaft über ein Jahr zu bekommen. Sie beinhaltet eine Namensgravur auf einer gehämmerten Kupferplatte mit stilisierter Rose.

Nach Angaben von Dr. Ralf Tappe, dem Geschäftsführer des Dombauvereins, sind inzwischen etwa 200 der insgesamt 1.200 Jahre des Zeitstrahls vergeben. Damit hat der Dombauverein bislang rund 100.000 Euro für die Domsanierung eingenommen. Insgesamt sollen es einmal 320.000 Euro werden.