Auf den Putz gehauen

20.11.2012

Der Kamera-Hubschrauber „Pixelkopter“ kann die Arbeit von drei Jahren an einem Tag leisten. Mit ihm wurde der Putz im Hildesheimer Dom abgeflogen. Das Ergebnis übertraf manche Erwartung …

Flugroboter

Quadrat um Quadrat haben sie sich vorgearbeitet, in schwindelnder Höhe genauso wie an den Fundamenten der Säulen: Antje Rinne und ihr Mitarbeiter Holger Naumann. In den vergangenen Monaten haben die beiden Diplom-Ingenieure zweimal wöchentlich den Putz im Hildesheimer Dom untersucht. Unterstützt wurden sie dabei einmalig von Thomas Harland und seinem Pixelkopter, einem fliegenden Kamera-Hubschrauber im Miniformat.

Naumann, der als Hobby selbst Modellfliegen betreibt, hatte seine Chefin auf die Idee gebracht. Seit 22 Jahren ist der 34-Jährige Modellflieger und hat als Ingenieur natürlich auch selbst an so einem Gerät getüftelt. Dank des kleinen Pixelkopters mit den vielen Rotorarmen konnten Rinne und Naumann den Putz auch an Stellen begutachten, die sonst nur mit einem extrem hohen, aufwändig aufzubauenden Gerüst erreichbar gewesen wären. „Wir konnten sehen, wo Risse sind, Verstaubungen, was noch gut aussieht“, erzählt Rinne. Für die Ingenieurin war das Befliegen des Domes eine große Erleichterung: „Sonst hätten wir drei Jahre hier untersuchen müssen, um zu einem hundertprozentigen Ergebnis zu kommen.“

Antje Rinne bei der Arbeit

Dieses sieht leider nicht gut aus. Bei ihrer Arbeit in verschiedenen, repräsentativen Teilen des Domes wie den Kapellen, der Krypta und im Mittelschiff haben Antje Rinne und Holger Naumann den Putz in vielen 50 mal 50 Zentimeter großen Quadraten untersucht, vorsichtig mit dem Hämmerchen beklopft, Risse und Fehlstellen begutachtet. Dabei spielen unter anderem die Größe und die Tiefe der Risse eine Rolle. Per Klopf-Diagnose und bei Teil-Freilegungen lässt sich ermitteln, ob ein Riss bis auf den Putzgrund reicht.

An manchen Stellen haftet der Putz nicht mehr, an anderen Stellen ist das Niveau abgesackt. „Wir mussten feststellen, dass der Putz auch da, wo er vermeintlich noch intakt war, in außerordentlich schlechtem Zustand war“, berichtet Naumann. Das sei aber nicht auf Unwissenheit der damaligen Erbauer zurückzuführen, betont Antje Rinne. „Das zu denken, würde ich mir nicht anmaßen.“ Beim Wiederaufbau des Domes nach der Weltkriegszerstörung hat man mit den damals verfügbaren Mitteln gearbeitet – die jedoch halten offenbar nicht für die Ewigkeit. Das Fazit von Antje Rinne: Der gesamte Innenputz im Dom muss erneuert werden.

Flugroboter im Einsatz

Für Antje Rinne bringt die Arbeit am Weltkulturerbe Hildesheimer Dom eine große Verantwortung mit sich. „Ich sollte ja auch die Frage beantworten, wie die Flachdecken in den Seiten- und im Mittelschiff verputzt werden können.“ Also das, was buchstäblich über den Köpfen der Gemeinde schwebt. Die so genannte Schönewolf-Decke, eine regionale Besonderheit, habe ja auch gut gehalten. Jetzt jedoch passen die Decken im Mittel- und in den Seitenschiffen so nicht mehr in das neue Konzept. Neuer Putz muss her.

Mit der Analyse endet die Arbeit der 44-Jährigen, der die Leidenschaft für ihren Beruf aus den Augen blitzt, aber nicht: Sie berät den Bauherrn auch in der Frage der Mörtelauswahl für den neuen Putz. Ökologisch und gesundheitlich unbedenklich muss er sein. „Und mindestens zwei Generationen halten“, sagt Antje Rinne. Der neue Mörtel muss zum historischen und zum „neuen“ Mauerwerk des wiederaufgebauten Domes passen und sich gut mit dem Putzgrund vertragen. Und er muss haltbar sein.

Wenn sie könnte, dann würde Ante Rinne gerne zwei Zeitreisen unternehmen: eine in die Vergangenheit, um zu sehen, wie der alte Putz beim Wiederaufbau aufgebracht worden ist. Die Zweite in die Zukunft, um zu sehen, wie der neue Putz hält und wie künftige Generationen mit dem Hildesheimer Weltkulturerbe umgehen.

Die Ingenieurin aus Rinteln ist oft in Hildesheim tätig gewesen. „Ich kenne alle Kirchen“, sagt sie. An der Sanierung des Domes mitzuarbeiten ist für die erfahrene Bau-Ingenieurin aber etwas ganz Besonderes. „Wir freuen uns, dass wir einen Beitrag leisten konnten.“

Text und Fotos: Hildegard Mathies